Holger Thorsten Schubart und Co. waren zu gierig | so berichtete der Kölner Stadt Anzeiger

Ein Agent der früheren DDR, ein falscher Diplomat und ein angeblicher Notar sind die Hauptpersonen in einem betrügerischen Millionencoup, der alle Dimensionen sprengt.

Der Plan schien perfekt: Im September vergangenen Jahres gelang es einer bundesweit agierenden Gaunerbande, das Aktiendepot einer vermögenden Kölnerin um 23 Millionen Euro zu plündern. Weil die Geldgier der Betrüger jedoch unermesslich war, machten sie einen folgenschweren Fehler und riefen damit den Staatsanwalt auf den Plan. Das Geld wurde gerettet. Jetzt wird dem Sextett vor dem Landgericht der Prozess gemacht.

Ein Rückblick: Der Auftrag scheint Routine, der am 13. September 2002 in der Frankfurter Zentrale eines Bankinstituts per Fax eingeht. Auch die Größenordnung der Order lässt keinen der Bankangestellten in der Wertpapierabteilung mit der Wimper zucken.

23 Millionen Euro sollen vom Privatkonto einer vermögenden Kölnerin einem Münchner Unternehmen überwiesen werden. So lautet die Order, die aus der Kölner Filiale der Bank kommt. Der Auftrag im Namen der reichen Kölnerin scheint auf den ersten Blick korrekt. Die erforderlichen Legitimationsstempel sind auf dem Schreiben enthalten – und gefälscht, wie sich später herausstellt. Ein Knopfdruck am Computer genügt, und der Auftrag ist online erledigt. Ein Sachbearbeiter tippt die Zahlen ein, sein Kollege checkt die Eingabe gegen – das war’s auch schon. Kein Stück Papier bestätigt den Millionenauftrag, eine im Aktiengeschäft übliche Vorgehensweise.

Bis zum heutigen Tag bleibt das Fax mit dem Originalauftrag verschwunden. Am Faxgerät wurde manipuliert, wie sich später herausstellte: das Journal – der Nachweis der gesendeten Faxe an jenem Tag – wurde komplett gelöscht. Ein Hinweis darauf, dass es in der Bank in Frankfurt einen Mittäter gab. Da sind sich die Ermittler sicher.

Es vergehen keine zwölf Stunden, und die Millionen sind dem Konto des neuen Eigentümers gutgeschrieben. Dabei handelt es sich um eine Münchner Anlagefirma, die inzwischen Pleite gegangen ist. In München knallen die Champagnerkorken.

Die Betrüger sehen sich bestätigt: Ihnen kommt so schnell keiner auf die Schliche. In ihrer grenzenlosen Geldgier werden die Täter jedoch übermütig. Sie lassen sich alle Zeit der Welt. Denn die Aktien im Wert von 23 Millionen Euro waren ein halbes Jahr zuvor das Doppelte wert. Da war der betrügerische Coup noch in der Planungsphase.

Die Betrüger aus München wollen jedenfalls mehr und deshalb den 22. September abwarten. Dann nämlich ist Bundestagswahl. Gewinnt Stoiber die Wahl – darauf setzten die Gauner – werde der Kurs der Papiere auf jeden Fall steigen. Doch die Bande hat nicht damit gerechnet, dass die Bank – wenn auch mit zeitlicher Verzögerung – doch auf Kontrolle setzt. Gut eine Woche nach der illegalen Transaktion schickt das Geldinstitut aus Frankfurt der Niederlassung in Köln einen Abrechnungsbogen. Damit wird die Order bestätigt.

„Wir bedanken uns für den Auftrag“ steht in dem Vordruck, in dem die gehandelten Millionen mit Namen und Betrag der Ordnung halber aufgelistet sind. Die Mitarbeiter in der Kölner Bankfiliale versetzt die Benachrichtigung in helle Aufregung.

Es vergeht knapp eine Stunde, da sind Polizei und Staatsanwaltschaft alarmiert. Per Gerichtsbeschluss wird das Konto beschlagnahmt. Das Geld ist gerettet. Ab sofort laufen die verdeckten Ermittlungen bei der Kölner Staatsanwaltschaft auf Hochtouren. Observation, Telefonüberwachung, das ganze Programm.

Die Bande wähnt sich nach wie vor sicher und will nach der Kanzlerwahl nun endlich an das Konto. Die Banken sind eingeweiht und verweigern aus angeblich formalen Gründen den Zugriff. Dank der Observierung wird den Fahndern schnell klar, welch dicken Fisch sie an der Angel haben.

Die Spur führt zu Wolfgang H. (44), einem Anwalt in Berlin, dem bereits vor Jahren die Lizenz entzogen wurde. Bei einer Wohnungsdurchsuchung stellen Ermittler bei dem Ex-Rechtsanwalt und ehemaligen Agenten des Staatssicherheitsdienstes umfangreiches Material in Sachen Abhörtechnik sicher. Offensichtlich hatte die Bande monatelang den Zentralrechner des Kreditinstituts ausgespäht. Nur dank dieser Ausspäh-Methodik konnten die Betrüger sicher sein, dass im Wertpapierdepot der Kölner Milliardärin „blue chips“ lagerten: Top-Aktien, die innerhalb kürzester Zeit in Deutschland veräußert werden können.

Wolfgang H., einstiger Nachrichtendienstler und Jurist beim Staatssicherheitsdienst, hatte sich nach der Wende erfolgreich in Berlin als Anwalt niedergelassen. Wegen wiederholten Computerbetruges im großen Stil hatte er 1996 jedoch eine mehrjährige Haftstrafe kassiert – und deshalb die Zulassung verloren.

Und die Spur führt zu J. W. (37), einem angeblichen Botschaftsrat der Republik Guinea-Bissau. Er ist laut Akten Kompagnon eines Mannes, der in Frankreich für die deutschen Behörden in Auslieferungshaft sitzt und als Kopf der Bande gilt: Der Untersuchungshäftling Holger Thorsten Schubart soll in Göttingen Banken, Finanzamt und Unternehmen um mindestens 16 Millionen Euro geprellt haben. Den Millionencoup in Köln soll er aus dem Knast heraus gesteuert haben, als er in Frankreich in Auslieferungshaft saß.

Die Bande gibt sich am (überwachten) Telefon zuversichtlich. Über eine angeblich holländische Erbengemeinschaft will sie jetzt an die Millionen kommen. Eine Adresse eines Notars in den Niederlanden wird hinterlegt. Dorthin soll das Geld überwiesen werden. Doch bei genauerem Hinsehen ist der Notar gar keiner, sondern laut Ermittlungsakten ein in Rente befindlicher Bauarbeiter, der als Strohgeschäftsführer für Dutzende von Betrügerfirmen der Gaunerbande fungierte.

Knapp vier Wochen später werden die Betrüger festgenommen und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Von einem Geständnis sind sie weit entfernt. Wenn überhaupt, wollen sie nur „Handlanger“ einer Tätergruppe gewesen sein, gegen die noch gesondert ermittelt wird.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger /2003